Mit den Nachbarinnen zum Arzt

Ein neues Wiener Projekt will Frauen mit Migrationshintergrund aus der Isolation holen

Aktiv am Leben in Wien teilhaben. Das ist Christine Scholtens Vision für Frauen mit Migrationshintergrund. Doch für manche dieser Frauen klingt Scholtens Vision wie ein herkulischer Akt. Wie soll man sich ohne Deutschkenntnisse bei den Behörden zurechtfinden? Den Lehrern seiner Kinder klarmachen, warum man nicht zum alljährlichen Elterntag antanzt, da man das Gesagte ohnehin nicht versteht?

 

Mit dem Projekt "Nachbarinnen" will Scholten Frauen mit Migrationshintergrund aus der Isolation holen. Ihr Konzept: Frauen aus der Community für die Community. So werden Frauen mit türkischem, arabischem und tschetschenischem Migrationshintergrund zu Beraterinnen ausgebildet. Sie sollen ihren Landsfrauen helfen sich in Wien zurechtzufinden. Sie beraten sie auf Amtswegen, Elternabenden, Arztbesuchen oder planen mit ihnen ihre Freizeit. Das Ziel: ein selbstbestimmtes Navigieren durch die Stadt, ohne fremde Hilfe.

Die Idee für das Projekt kam Scholten während ihrer Arbeit. Die Ärztin mit Praxis im 10. Bezirk fand die "Unfreiheit" vieler ihrer Patientinnen "beklemmend". So startete sie vor drei Jahren einen Pilotversuch im Stadteilzentrum Bassena am Schöpfwerk, in dem Migrantinnen mithilfe anderer Migrantinnen aus ihrer oft unfreiwilligen Unselbständigkeit und Isolation herausgeholt werden. Die Initiative wurde so gut aufgenommen, dass mittlerweile 16 Frauen mit Migrationshintergrund zur Sozialarbeiterin ausgebildet werden um danach als "Nachbarin" zu arbeiten. 300 Stunden absolvieren sie in einem Lehrgang, der von der Alpen-Adria-Universität in Klagenfurt konzipiert wurde. Auf dem Lehrplan stehen Themen wie Gesundheit, Erziehung, Bildung, Soziales und Kommunikation. Finanziert wird die Ausbildung von der MA 17, zuständig für Integration und Diversität.

Scholten sucht noch nach Investoren für ihr Projekt. Gesammelt wird das Geld jedoch nicht mit dem Klingelbeutel oder einem öffentlichem Spendenaufruf. Das Projekt präsentiert sich als Zukunftsinvestition auf der Crowdfundingplattform "Respekt.net".

324 sozialer Initiativen suchen derzeit auf der Internetseite nach finanzieller Unterstützung. Das Prinzip der kollektiven Finanzierung neuer Ideen kennt man vor allem aus dem Kreativsektor. Warum also nicht auch im zivilgesellschaftlichen und sozialen Bereich auf die Stärke der "Crowd" setzen?

Die Mitgliederliste reicht von Stepic bis Gusenbauer
Unter dem Motto "Investieren in die Zivilgesellschaft" wurde die Plattform Respekt.net 2010 gegründet. Rund 120 Projekte habe man seit der Gründung über die Plattform finanziert, sagt Martin Winkler Präsident von Respekt.net. Ungewöhnlich ist, dass die Initiative nicht seitens sozialer Organisationen entstand, sondern von Vertretern der Wirtschaft und Politik gegründet wurde. "Wir wollten zeigen, dass es viele Unternehmer gibt, die anders denken", meint Martin Winkler. Es sei aber ein langes Ringen gewesen, bis es zur Gründung von Respekt.net kam.

Die Mitgliederliste von Respekt.net liest sich wie das Who-is-who der österreichischen Elite. Personen, die auf dem öffentlichen politischen Parkett wohl kaum zueinanderfinden würden, unterstützen hier gemeinsam zivilgesellschaftliche Initiativen.

Raiffeisen Generaldirektor Herbert Stepic, Autokonzern-Erbe Daniell Porsche, Grünen-Politiker Johannes Voggenhuber, Nationalfonds-Präsidentin Hannah Lessing oder der ehemalige SP-Bundeskanzler Alfred Gusenbauer gehören zum illustren Kreis der Financiers. Seien anfangs noch 90 Prozent der Spenden von Mitgliedern von Respekt.net gekommen, so hat sich das Verhältnis mittlerweile aber komplett umgedreht. Ein Großteil der Gelder für die Projekte stamme laut Präsident Winkler, aus der breiten Bevölkerung.

Bei Erfolg erfolgt Übergabe an das Sozialministerium
Scholten setzt auf das Geld der innovativen Investoren. Sie braucht mehr Mitarbeiter. Neun "Nachbarinnen" hat sie das Einkommen bereits gesichert, für eine zehnte Mitarbeiterin fehlt noch das Geld. Die Initiatorin ist zuversichtlich über Respekt.net die fehlenden 8562 Euro zusammenzubekommen. Schon in der Vergangenheit hat Scholten gute Erfahrungen mit der Plattform gemacht, sie hat für ihren Verein Lernhilfen finanziert und viele freiwillige Helfer gefunden. 200 Familien hätte man in den vergangenen Jahren erreicht, 300 mehr sollen es in Zukunft werden.

Voraussichtlich übernimmt das Bundesministerium für Arbeit und Soziales ab Herbst die Kosten für die Anstellung der "Nachbarinnen". Wenn das Projekt weiterhin so erfolgreich laufe, will Scholten das Projekt zur Gänze an das Ministerium übergeben. Denn eigentlich sei es deren Aufgabe, Migrantinnen sowohl in den Arbeitsmarkt als auch in der Gesellschaft einzubinden.

Wienerzeitung.at  5.3.2012 18:06

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