"Verstehen Sie ausländisch"

Medsuccess Sa.03.03.2012; 15:00 Uhr, im Hörsaal 3, AKH Hörsaalzentrum

PatientInnen mit Migrationshintergrund- Herausforderungen eines Multikulti-Praxisalltags

In fast jeder Praxis gibt es PatientInnen aus anderen Kulturräumen – darunter viele aus islamischen Ländern. Das kann für das Praxisteam mitunter eine echte Herausforderung sein und vor allem für den Arzt oftmals eine Geduldprobe.

Nach Angaben der Statistik Austria weisen 18% der Bevölkerung Österreichs einen Migrationshintergrund vor. Davon sind rund 1,083 Millionen selbst im Ausland geboren. Knapp 386.000 Personen sind in Österreich geborene Nachkommen von Eltern mit ausländischem Geburtsort und werden daher auch als „zweite Generation“ bezeichnet. Unter den Personen mit Migrationshintergrund stammte ein Drittel (487.000 Personen) aus anderen EU-Staaten, zwei Drittel (981.000 Personen) kamen aus Drittstaaten. Mit 496.000 waren Personen aus den jugoslawischen Nachfolgestaaten die größte Gruppe, gefolgt von rund 248.000 Personen mit türkischem Migrationshintergrund.

Besonders Menschen mit eigener Migrationserfahrung, die einen Teil ihres Lebens in einem anderen Land und Kulturraum verbrachten, haben oft Wertvorstellungen, die mit unseren nur bedingt übereinstimmen. Je stärker sich kulturelle Überzeugungen unterscheiden, desto wahrscheinlicher sind Interessenkonflikte. Das kann vom Arzt ein gewisses Fingerspitzengefühl erfordern. Besonders gilt das für Angehörige anderer Religionen, etwa muslimische Patienten, von denen es in Österreich rund 600.000 gibt.

Kommunikationsprobleme

Die Sprache ist in der Praxis oft die erste Barriere. Dass sich Arzt und Patient sprachlos gegenüberstehen, kommt schon öfter mal vor. In vielen Fällen ist ohne Dolmetscher kaum eine Verständigung möglich. Da ein professioneller Dolmetscherdienst nicht existiert und auch zukünftig kaum finanzierbar sein dürfte, werden dann oft Familienmitglieder oder Bekannte zum Übersetzen herangezogen. Dadurch wird jedoch das klassische Vier-Augen-Gespräch zwischen Arzt und Patient unmöglich – für die Patienten wird es dadurch oft schwieriger, private Dinge und Probleme zu offenbaren. Außerdem: Wenn zwischen Patient und Familienmitglied ein Autoritätsverhältnis existiert, wie es gerade in islamischen Familien oft der Fall ist, kann es durchaus schon mal passieren, dass eine unliebsame Diagnose oder schlechte Prognose verschwiegen wird.

Religiöse Praxis

Viele Muslime befolgen ihre religiösen Grundpflichten. Darunter nimmt das Fasten einen besonders wichtigen Platz ein. Für gläubige Moslems heißt das: von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang nicht essen, nicht trinken, nicht rauchen und keinen Geschlechtsverkehr. Reisende, Stillende, Menstruierende, Schwangere und nicht zuletzt Kranke sind von der Fastenpflicht eigentlich ausgenommen, weil das Fasten ihren Körper zusätzlich belasten könnte. Doch viele gläubige Muslime bestehen auch als Erkrankte darauf, den Ramadan einzuhalten. Der Fastenmonat liegt in den kommenden Jahren im Sommer.

Problematisch kann das Fasten durch die Verschiebung des Essrhythmus und das teilweise übermäßige Essen und Trinken während der Nachtstunden vor allem bei Diabetikern sein. Sie sollten speziell begleitet werden, wenn sie fasten wollen. Vor allem ist darauf zu achten, dass Medikamente und Insuline, die Hypoglykämien verursachen können, in den Morgenstunden reduziert werden, um die Patienten nicht zu gefährden. Aufgrund der sommerlichen Temperaturen ist es zudem ratsam, vor Sonnenaufgang und nach Sonnenuntergang viel zu trinken. Ein anderes, weniger bekanntes Gebot verlangt den Verzicht auf Arzneien, die nach den islamischen Sitten als verboten (harâm) geltende Mittel enthalten. Darunter fallen beispielsweise alle alkoholhaltigen, flüssigen Arzneien sowie aus dem Schwein gewonnene Präparate wie Herzklappen oder Gelatine bei Medikamentenkapseln.

Traditionen

Auch andere Traditionen als die Religion spielen eine wichtige Rolle bei der Gesundheitsversorgung. Oft ist Aufklärungsarbeit nötig, um Patienten bzw. Eltern von der Wichtigkeit dieser Untersuchungen zu überzeugen. Dazu zählen zum Beispiel die Vorsorgeuntersuchungen während der Schwangerschaft und im Kindesalter. Auch die Ernährungsgewohnheiten sind herkunfts- und kulturbedingt. Nicht nur das Klima, sondern auch der traditionelle Beruf beeinflussen die Wahl der Lebensmittel. Zu bemerken ist, dass die Menschen sich zwar in Österreich an das Klima anpassen und sich am hiesigen Arbeitsmarkt orientieren, aber forthin die gleichen Lebensmittel konsumieren.

Verständnis zeigen

Neben der kulturellen Identität ist häufig mangelndes Wissen der Grund dafür, dass Migrantenfamilien die Angebote unseres Gesundheitswesens nicht wahrnehmen. Sie sind oft nicht ausreichend informiert. Mit der Folge, dass es zur Fehl- oder Unterversorgung kommen kann. Verständnis für den Hintergrund der Patienten und geduldige Information sind die besten Ansätze, die kulturellen Gräben zu überbrücken.

Das Wissen um diese Umstände, sowie ein respektvoller und sensibler Umgang mit Patienten mit Migrationshintergrund stellt die Basis einer guten Arzt- Patientenbeziehung dar.