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Interkulturelle Sensibilisierung in der Medizin

Chancen und Risiken- Die österreichische Bevölkerung ist so vielfältig wie nie zuvor.

Noch nie lebten so viele Menschen mit unterschiedlichem kulturellem, religiösem und sprachlichem Hintergrund in diesem Land zusammen. Diese Realität spiegelt sich auch in den Arztpraxen und Spitälern wieder. Doch was bedeutet das für uns, die wir in diesem Bereich arbeiten? Brauchen Menschen mit anderen kulturellen Wurzeln eine Sonderbehandlung? Sollten wir nicht alle Patientinnen und Patienten gleich behandeln? Wie sollen wir mit dieser kulturellen Vielfalt umgehen?

Gerade Menschen mit Migrationshintergrund sind in unserer Gesellschaft massiv benachteiligt. Der gutgebildete, wohlhabende Diplomatensprössling ist die Ausnahme, nicht die Regel. So arbeiten besonders viele Männer und Frauen mit Migrationshintergrund in Jobs, in denen sie schwere körperliche und gesundheitsschädliche Arbeiten verrichten und in welchen die Unfallgefahr besonders hoch ist. Stressbelastung durch Schicht- und Nachtarbeit und eine aufgrund der geringen Entlohnung schlechten Wohnsituation sind weitere Einflüsse, die sich negativ auf die Gesundheit auswirken. Doch auch psychische Faktoren spielen eine gewichtige Rolle: Gerade Flüchtlingen leiden oft unter traumatischen Erlebnissen die sie in ihrem Herkunftsland oder auf der Flucht gemacht haben. Dazu kommen psychische Belastungen, etwa durch Unsicherheit bezüglich ihres Aufenthaltstitels oder durch diskriminierende Alltagserfahrungen.

Begeben sich diese Menschen nun in medizinische Obhut, um die gesundheitlichen Folgen dieser Belastungen behandeln zu lassen, ist die Benachteiligung noch keineswegs beendet. So verweist etwa das US-amerikanische Institute of Medicine of the National Academies darauf, dass der kulturelle Hintergrund und die Sprache sich massiv auf die Betreuungsqualität von Patientinnen  und Patienten auswirkt. Denn haben diese eine andere kulturelle Herkunft und sprechen eine andere Sprache als ihre medizinischen Betreuerinnen und Betreuer, erhalten sie weniger empathische Zuwendung, seltener ausreichende Informationen und werden seltener zu Kontrollen geladen oder in die medizinische Entscheidungsfindung einbezogen. Zudem erhalten sie häufiger nur eine unzureichende Schmerztherapie. Das führt wiederum dazu, dass diese Patientinnen und Patienten vermehrt Termine nicht einhalten, und eine geringere Therapietreue aufweisen. All dies hat erhebliche negative Auswirkungen auf die Gesundheit dieser Menschen.

Doch wie können wir dieser medizinischen Diskriminierung nun begegnen? In einem ersten Schritt sollten wir uns vergegenwärtigen, dass in anderen Gesellschaften Körper-, Krankheits- und Heilungskonzepte vorherrschen, die sich oft grundlegend von der naturwissenschaftlich begründeten westlichen Medizin unterscheidet. Eine grundlegende Kenntnis dieser alternativen Konzepte ermöglicht es uns andere kulturelle Vorstellungen von Körper, Intimität und Krankheit und damit auch unsere Patientinnen und Patienten besser zu verstehen. Auf diesem Wissen aufbauend fällt es uns leichter, sie hinsichtlich verschiedener Gepflogenheiten besser zu beraten. Die Berücksichtigung von Empfindlichkeiten, wie etwa einem erhöhten Schamgefühl steigert die Akzeptanz des medizinischen Personals und damit auch die Wahrscheinlichkeit eines Behandlungserfolges.

Daneben ist insbesondere auch dem Verständigungsproblem Rechnung zu tragen. Gerade bei ernsthaften Erkrankungen, Beratungsgesprächen und Entscheidungen über weitergehende medizinische Untersuchungen und Therapien ist es wichtig, qualifizierte Dolmetscherinnen oder Dolmetscher anzufordern. In weniger gravierenden Fällen können Sprachbarrieren etwa mit Hilfe von Infoblättern oder nonverbal mit Zeichnungen überwunden werden. Zudem ist es empfehlenswert auch Listen mit muttersprachlichen Behandlungs- und Beratungseinrichtungen aufliegen zu haben.

So wichtig die Berücksichtigung der kulturellen Hintergrundes unserer Patientinnen und Patienten nun sein mag, sie birgt auch eine große Gefahr: Das wir die Heterogenität von Gruppen derselben kulturellen Herkunft unterschätzen. Indem wir unsere Patientinnen und Patienten in ein kulturelles Korsett zwängen verlieren wir den Blick auf das Individuum. Wir unterstellen damit der aus Istanbul stammenden gebildeten und säkularen Türkin, dieselben Bedürfnisse zu haben, wie ein sehr religiös geprägter, aus Anatolien zugewanderter Türke mit nur geringer Schulbildung. Dieses Beispiel zeigt, wie wichtig es ist neben kulturellen Aspekten auch andere Merkmale wie sozialer Status, Geschlecht, Alter, Behinderung oder sexueller Orientierung zu berücksichtigen.

Dennoch gehört neben Selbstreflexivität und Empathie das Wissen um kulturell unterschiedliche Eigenheiten und Vorstellungen zu den wesentlichen Elementen unserer transkulturellen Kompetenz. Erst diese ermöglicht uns eine angemessene medizinische Betreuung von Menschen, in unserer Gesellschaft ohnehin benachteiligt sind.

Daher bedeuten unsere Bemühungen keine Sonderbehandlung von Menschen mit Migrationshintergrund, vielmehr sind sie ein Versuch, möglichst gleiche Voraussetzungen für alle unserer Patienten und Patientinnen zu schaffen.

J.G.